6. Sportrechtskongress

Der Fall Pechstein – Glück für den Sport?

Sportrechtsexperten sehen auf dem 6. Sportrechtskongress Handlungsbedarf im Anti-Doping-Kampf / Dr. Krähe kündigt Fortsetzung des juristischen Pechstein-Kampfes an und fordert: „Die WADA muss ihren Kampf gegen Do-ping deutlich effizienter und professioneller gestalten“

Beim 6. Sportrechtskongress des Ismaninger Instituts für Fußballmanagement und der Erdinger Hochschule für angewandtes Management, der am Dienstag unter dem Motto „Der Fall Pechstein – Glück für den Sport?“ im Münchner Bankhaus Donner & Reuschel stattfand, sahen 50 Sportrechtsexperten Handlungsbedarf im Anti-Doping-Kampf. Rechtsanwalt Dr. Christian Krähe, der die Interessen von Eisschnellläuferin Claudia Pechstein vertritt, machte Druck auf die WADA. NADA-Chefjustiziar Dr. Lars Mortsiefer forderte die Etablierung eigenständiger Disziplinarorgane außerhalb der Verbände.

2009 wurde die deutsche Eisschnellläuferin Claudia Pechstein wegen Auffälligkeiten im Blutprofil von der Internationalen Eislaufunion (ISU) für zwei Jahre gesperrt. Pechstein klagte anschließend in mehreren, jahrelangen Prozessen auf Schadenersatz, u.a. vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS. Anfang September 2016 wurde die Klage nun durch den BGH zurückgewiesen. Dr. Christian Krähe, Vizepräsident der International Sport Lawyers Association (ISLA), hofft nun auf eine mündliche Anhörung vor dem Bundesverfassungsgerichts Anfang 2017 und kündigte an: „Claudia Pechstein ist unglaublich eisern. Sie ist ein Kraftholz – wie auf dem Eis. Sie ist festentschlossen, den Kampf weiterzuführen.“

Dr. Krähe berichtete am Dienstag als Insider über den Fall seiner Mandantin, formulierte seine Lehren und stellte zugleich klare Forderungen: „Die Einrichtung des CAS hat im Grundsatz ihre Berechtigung. Insbesondere die ad hoc-Gerichte bei den Olympischen Spielen oder anderen großen Meisterschaften sind geeignet, kurzfristig sportrechtliche Konflikte zu lösen. Allerdings muss der CAS-Code dringend geändert werden, um die Unabhängigkeit der Schiedsrichter, die Transparenz der Schiedsverfahren und die Waffengleichheit der Parteien bezüglich der finanziellen Ausstattung sicherzustellen. Bis zu einer entsprechenden Novellierung kann der CAS nicht als unabhängiges Schiedsgericht anerkannt werden.“

Dr. Krähe nahm zudem die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) in die Pflicht: „Die von der WADA durchzuführenden Maßnahmen in ihrem Kampf gegen das Doping müssen deutlich effizienter und professioneller ausgestaltet werden. Hierbei sind allerdings die Grundrechtspositionen der Athleten jederzeit zu gewährleisten.“ Dr. Krähe weiter: „Gelingt es der WADA in absehbarer Zeit nicht, die Gleichmäßigkeit des Kampfes gegen Doping weltweit zu garantieren und systematisches Doping, zum Teil auch gefördert durch Regierungen, zu unterbinden, müssen sich die WADA und die ihr angeschlossenen nationalen Anti-Doping- Organisationen den Vorwurf gefallen lassen, ihrerseits zur Verzerrung sportlicher Wettbewerbe beizutragen.“

Mit Blick auf den ‚Fall Pechstein’ bezog dann auch ISU-Rechtsanwalt Christian Keidel Stellung im Anti-Doping-Kampf: „Der internationale Sport benötigt insbesondere im Kampf gegen Doping ein Entscheidungsgremium, welches die Gleichbehandlung aller Stakeholder im Sport sicherstellt und endgültige Entscheidungen zügig treffen kann. Ein solch internationaler Rechtsschutz kann nur über ein institutionelles Schiedsgericht erreicht werden. Dieser Ansicht war offenbar auch Frau Pechstein, als sie ihre von der ISU verhängte Dopingsperre 2009 beim CAS und nicht bei einem staatlichen Gericht angefochten hat. Wenn Frau Pechstein zu diesem Zeitpunkt der Ansicht war, dass die Schiedsvereinbarung zugunsten des CAS wegen eines angeblichen Zwangs und einer institutionellen Benachteiligung von Athleten unwirksam sei, hätte sie sich schon zu diesem Zeitpunkt an staatliche Gerichte wenden müssen, anstatt ohne irgendeine Rüge die ISU vor dem CAS zu verklagen. Der BGH hat zudem zurecht festgestellt, dass sich Verbände und Athleten im Kampf gegen Doping nicht als von gegensätzlichen Interessen geleitete ‚Lager’ gegenüberstehen und dass daher auch die geschlossene Schiedsrichterliste des CAS dessen Unabhängigkeit nicht entgegensteht.“

Dr. Lars Mortsiefer veranschaulichte in seiner Funktion als Chefjustiziar der Nationalen Anti Doping Agentur Deutschland (NADA) zudem die Struktur und die praktische Umsetzung von sportrechtlichen Disziplinarverfahren mit Dopingbezug aus Sicht der NADA. Dr. Mortsiefer forderte dabei den Aufbau eigenständiger Disziplinarorgane: „Aus Sicht der NADA stellt die Etablierung und die stetige Fortentwicklung eines unabhängigen Sportschiedsgerichts, wie dem Deutschen Sportschiedsgericht, eine maßgebliche Säule effektiver Anti-Doping-Arbeit dar. Maßgeblich ist, die Verfahren zur rechtlichen Prüfung und Sanktionierung von möglichen Dopingverstößen national und international zu vereinheitlichen. Es müssen eigenständige Disziplinarorgane außerhalb der Verbände etabliert werden, die auf der Grundlage der Anti- Doping-Regelwerke und rechtstaatlicher Prinzipien agieren. Wichtig ist dabei, auch die Athletenrechte gleichrangig zu berücksichtigen.“

Im Verlauf des Kongresses diskutierten die Sportrechtsexperten auch intensiv über die Schiedsgerichte und Schiedsgerichtbarkeit. Jasmin Riemenschneider von der Deutschen Institution für Schiedsgerichtbarkeit gab spannende Einblicke in die Schiedsgerichtsbarkeit als Form alternativer Streitbeilegung. Dr. Dirk Monheim von der Kanzlei Eversheds München, der zudem als Vizepräsident der Spielvereinigung Unterhaching fungiert, fasste zusammen: „Schiedsgerichte sind im Sport die am meisten verbreitete Art der außergerichtlichen Konfliktlösung. Doch in der Art und Weise, wie das Schiedsgericht eingerichtet ist, unterscheiden sich die meisten Sportverbände zum Teil erheblich.“ In einem Kurz-Workshop ging Monheim anschließend auf die Frage ein, wie sich der Gesetzgeber eine echte, endgültige Schiedsgerichtsbarkeit vorstellt und welche Schutzmechanismen für den Sportler existieren. Parallel stellte Prof. Dr. Christian Quirling in einem weiteren Workshop von der Hochschule für angewandtes Management den neuen Musterarbeitsvertrag für Lizenzspieler vor.

Dr. Frank Rybak von der rybak.zehnder.wirtschaftskanzlei, der zudem die Position des Verbandsjustiziars der Vereinigung der Vertragsfußballer inne hat, betonte in seinem Vortrag zum Thema Verbandsinstanzen, Schiedsgerichtbarkeit und staatliche Gerichtsbarkeit im Berufsfußball: „Während Spieler, Trainer, Klubs und Vermittler in Disziplinarangelegenheiten umfassend der Rechtsprechungstätigkeit von Verbandsinstanzen und Schiedsgerichten unterworfen sind, ist dies für vertragliche Streitigkeiten unter diesen Beteiligten nicht der Fall. Für vertragliche Streitigkeiten kommt auf nationaler Ebene in Deutschland den staatlichen Arbeitsgerichten die größte Bedeutung zu, während auf internationaler Ebene die FIFA-Dispute Resolution Chamber, das FIFA-Players‘ Status Committee und der CAS die Streitentscheidung prägen. Die Auswahl der Streitentscheidungsinstanz ist von erheblicher Bedeutung für den Ausgang des Verfahrens. Bei der Vertragsgestaltung sollte besonderes Augenmerk auf Rechtswahlklauseln, Schiedsvereinbarungen und Gerichtsstandsvereinbarungen gelegt werden.“

Veranstaltungs-Initiator und Gründungspräsident der Hochschule für angewandtes Management Prof. Dr. Dr. Christian Werner zog am Ende des 6. Sportrechtskongresses ein äußerst positives Fazit: „Es war ein spannender Tag, der gezeigt hat, dass der ‚Fall Pechstein’ nichts an seiner Aktualität verloren hat und zudem großer Diskussionsbedarf bei den Themen Anti-Doping-Kampf und Schiedsgerichtbarkeit vorhanden ist. Der Sportrechtskongress hat dabei den Austausch der verschiedenen Parteien untereinander gefördert und mögliche Verbesserungen im Sportrecht anregt.“